Zur Rückführung der Oberkirchenbibliothek gab es die seltene Gelegenheit, einige der Bücher aus der Nähe zu bestaunen. Fotos: Richter

Presse: Der Bücherschatz ist zurück

in.suedthüringen.de am 28. Juni 2019

Die historische Bibliothek der Oberkirche ist zurück an ihrem Stammplatz. Die Bücher wurden gereinigt und neu katalogisiert.

Zur Rückführung der Oberkirchenbibliothek gab es die seltene Gelegenheit, einige der Bücher aus der Nähe zu bestaunen. Fotos: Richter

Arnstadt – Allzu viele gute Nachrichten gab es in letzter Zeit nicht für die evangelische Kirchgemeinde, wenn es um die Oberkirche ging. Mit der erhofften Wiederweihe zum Reformationsjubiläum wurde es nach dem Fund eines historischen Grabes im Fußboden auf unbestimmte Zeit verschoben. Auch die Arbeiten am Kreuzgang kamen nicht wie erhofft voran. Zuletzt musste man noch die Nachricht verkraften, das eine der beauftragten Firmen Insolvenz anmeldete.

Umso erfreulicher ist es für Pfarrer Thomas Kratzer, dass nun ein wichtiger Meilenstein der Sanierung abgeschlossen werden konnte: Die Bibliothek. Sie wurde im Zuge der Reformation um 1588 gegründet und ist damit eine der ältesten überlieferten protestantischen Kirchenbibliotheken in Thüringen. Sie gilt als historisch gewachsen und seit Ende des 18 Jahrhunderts als in sich abgeschlossen. Aufgebaut wurde die Bibliothek aus Geld- und Bücherstiftungen von Arnstädter Bürgern, Kirchengemeindemitgliedern sowie der Grafen und Gräfinnen von Schwarzburg-Arnstadt. Im 18. Jahrhundert erlebte sie ihre größte Blüte und wurde als öffentlich zugängliche und wertvolle Stadt- und Kirchenbibliothek gerühmt. Wegen dringend notwendiger Restaurierungsmaßnahmen in der Sakristei der Kirche hatten die Bücher im Frühjahr 2015 ins Landeskirchenarchiv der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) nach Eisenach ausgelagert werden müssen. Vor allem mit Mitteln der Städtebauförderung konnte anschließend die Sakristei hergerichtet werden, nicht nur der Raum an sich, sondern auch die Bücherschränke. Durchhängende Böden wurden da unter anderem ersetzt, aber auch zwei neue Schränke aufgestellt, so dass nun jedes Buch einen eigenen Standplatz hat und nicht mehr Bücher auf anderen liegen müssen.

Dass aus der Wiederweihe der Oberkirche im Oktober 2017 nichts wurde, erwies sich für die Bibliothek als Segen, blieb so genug Zeit, ihren Bestand zu erfassen und das aus dem Jahr 1908 stammende Verzeichnis zu aktualisieren. Mit hundertprozentiger Förderung durch den Freistaat und zusätzlicher personeller Hilfe durch die Forschungsbibliothek Gotha konnte eine Projektstelle dafür geschaffen werden. Deren Ziel war das nachhaltige Erschließen und Sichern der Kirchenbibliothek sowie das Bekanntmachen ihrer ausgesprochen wertvollen gedruckten und handschriftlichen Bücher in der nationalen und internationalen Forschung sowie der Öffentlichkeit. Erstmals wurden die 4683 Titel der Bibliothek umfangreich und online auf dem gegenwärtigen Stand der Forschung in der Datenbank des Gemeinsamen Bibliotheksverbunds (GBV) aufgenommen. Damit, so sagte Christoph Meixner, Leiter des Landesmusikarchives, wisse nun die ganze Welt, welche Schätze die Arnstädter Oberkirche beherberge. Sicher würden Forscheranfragen nicht lange auf sich warten lassen.

Viele haben ihren Beitrag dazu geleistet, dass die Bibliothek der Oberkirche nun nicht nur wieder an ihrem alten Platz zurückkehren konnte, sondern auch, dass ihre Bestände digital erfasst wurde: Das Landeskirchenarchiv, das Thüringische Landesmusikarchiv, die Forschungsbibliothek Gotha, Stadt und Land, die Kirchgemeinde und die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und nicht zuletzt ehrenamtliche Helfer. Letztere packten vor allem in den letzten Wochen fleißig mit an, als die Bücher an ihren angestammten Platz zurückkehrten.

Ihnen allen sagte Pfarrer Thomas Kratzer herzlichen Dank. So auch Michael Hentschel. Einmal pro Woche fuhr er ins Landeskirchenarchiv nach Eisenach, um die dort zwischengelagerten Bücher abzustauben. Fast viereinhalb Jahre lang. 2080 historische Bücher waren es, die vorsichtig durch seine Hände gingen. „Manchmal habe ich 60 Stück am Tag, manchmal nur 13 geschafft“, erinnert sich Michael Hentschel. Dabei ist ihm auch klar geworden: „Die Arbeiten sind nicht abgeschlossen. Einige Bücher müssten dringend restauriert werden.“ Und er würde sich wünschen, dass es künftig Projekte mit jungen Leuten gibt, welche ihnen die Geschichte ihrer Heimat ein Stück näherbringen.

Denn natürlich kann der wertvolle Bestand nicht dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, werden sich die Türen der Sakristei nur zu besonderen Anlässen oder für historischen Nachforschungen öffnen. Zu wertvoll sind ihre Bestände, zu wichtig ist es, für ein ideales Raumklima zu sorgen, damit sie weitere Jahrhunderte überdauern.

Auch sonst gibt es gute Nachrichten für die Oberkirche. „Der Fußboden wird jetzt gemacht“, kündigte Thomas Kratzer an. Bis Herbst solle er fertig sein. Die Grabplatte aus dem 13. Jahrhundert soll mit einer Glasplatte bedeckt sichtbar bleiben.

Berit Richter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.