Presse: Oberkirche birgt noch Geheimnisse

Thüringer Allgemeine am 30.10.2017

Die freigelegten Mauerreste geben den Fachleuten weiter Rätsel auf. Zum Kreiskirchentag am Dienstag findet eine Führung statt.

In der Oberkirche gehen die archäologischen Untersuchungen des Fußbodens weiter. Hier der Reformationsbeauftragte im Kirchenkreis, Martin Sladeczek (rechts), mit Klaus-Dieter Rudolph, Mitarbeiter für offene Kirche. Foto: Antje Köhler

Arnstadt. Weiß-rotes Flatterband sperrt das Kirchenschiff ab. Auf Zetteln der Hinweis an Besucher: Bitte nicht betreten (Archäologie). Der Boden ist aufgebrochen, aus der graubraunen Erde ragen flache Mauerreste, und eine gut erhaltene Grabplatte fällt ins Auge.
Sie kam zum Vorschein, als im Spätsommer in der Oberkirche eigentlich nur der Fußboden repariert werden sollte – eine der letzten Maßnahmen vor der geplanten Wiedereinweihung des Gotteshauses am 29. Oktober. Doch die Firma stellte gravierende Schäden fest. Der Bodenbelag wurde entfernt, und es folgte jene Überraschung, die alle Zeitpläne über den Haufen warf (unsere Zeitung berichtete).

Estrich aus dem 13. Jahrhundert

Inzwischen nimmt der Erfurter Archäologe Michael Beyer in einem abgegrenzten kleinen Bereich die Funde auf. Freigelegt wurden verschiedene Fußbodenniveaus, angefangen von „Estrich“ aus der Bauzeit im 13. Jahrhundert bis hin zur Zeit um 1900, erklärt Martin Sladeczek, Reformationsbeauftragter in Kirchenkreis. Er verfolgt gespannt die Grabungen – ebenso Klaus-Dieter Rudolph, der die Besucher in der Oberkirche betreut. Diese würden angesichts der noch anstehenden Arbeiten und der mit Planen verhängten Kunstgüter leider häufig gar nicht sehen, was bei der Restaurierung alles schon geschafft ist, bemerkt er.
Dabei gibt die Oberkirche noch längst nicht alle ihre Geheimnisse preis. Hauptproblem ist laut Sladeczek die Einordnung der Mauerzüge. Aus welcher Zeit stammen sie? Und was hatten sie für eine Funktion? Bei einer der Mauern ist man sich aufgrund ihrer Lage schon sicher: Sie muss das Fundament des Lettners sein. So wurde eine Wand in mittelalterlichen Kirchen bezeichnet, die den Chorbereich der Mönche vom Langhaus trennte, in dem sich auch die Laien aufhielten. So ein Lettner war bereits früher vermutet worden, nun gibt es den Beweis. Abgebrochen hat man ihn vermutlich im 16. Jahrhundert.
In die Untersuchungen der Funde einbezogen wurde auch ein Heraldiker, um anhand des Wappens auf der Grabplatte zu erfahren, wer hier einst bestattet wurde. Mit Details hält man sich (noch) bedeckt. Damit, wie es mit dem Fußboden weitergeht, ob und wie die Grabplatte sichtbar gelassen wird, ebenso.
Als nächstes erfolgen punktuelle Schnitte, um zu sehen, wie die Mauern eingebunden sind, erklärt Sladeczek. Das Landesamt für Denkmalpflege werde außerdem eine elektrische Messung des Bodens vornehmen. In den nächsten Bausitzungen soll dann entschieden werden, wie es weitergeht. Der Fund hat nicht nur den Termin der Wiedereinweihung gekippt, sondern auch das Finanzkonzept. Über die zusätzlichen Kosten kann noch keiner etwas sagen, auch nichts über einen Fertigstellungstermin.
Die Festschrift zur Oberkirche aber, die bereits geschrieben ist und auf den Druck wartet, wird nun um ein spannendes Kapitel ergänzt.

Antje Köhler / 30.10.17

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