Presse: Arnstädter Perspektivenwechsel zum Tabuthema Krankheit

Thüringer Allgemeine vom 20.08.2016

 

Theaterstück und Diskussion in einer gut gefüllten Oberkirche stellten sich den Fragen von Leben und Sterben.
Thüringens Sozialministerin Heike Werner (2. von rechts) war Schirmherrin des Abends. Foto: Hans-Peter Stadermann Thüringens Sozialministerin Heike Werner (2. von rechts) war Schirmherrin des Abends. Foto: Hans-Peter Stadermann

 

Arnstadt (Ilm-Kreis). Das diesjährige Thema des vierten „Arnstädter Perspektivenwechsel“ betraf ein ziemliches Tabu, nämlich den Umgang mit Kranken und Sterbenden. Diese Thematik hatte bereits Altmeister Goethe, der sich nicht einmal in der Lage sah, zum Begräbnis seines Freundes Schiller zu erscheinen, entschieden verdrängt.

 

Auch heute noch werden Krankheit und Tod gerne beiseitegeschoben und Hilfe beim Kampf gegen die Krankheit wird nicht mehr von einer Krankenkasse, sondern von einer Gesundheitskasse erteilt. Es wird wohl nicht lange dauern, bis wir nicht im Krankenhaus, sondern im Gesundheitshaus sterben.

 

Anlass, sich dieser Tabuzone zu nähern, war den Veranstaltern, dem Verein Oberkirche Arnstadt e.V. und dem Hospizdienst Arnstadt e.V., das Emporenbild in der Oberkirche mit der Thematik aus Matthäus 25 „Werke der Barmherzigkeit – Die Kranken besuchen“, das zum Adelstand und Witwenstand für Katharina von Nassau gehörig aus dem Jahre 1590 datiert. Als Diskussionsteilnehmer hatten sich hochkarätige Experten wie die Thüringer Ministerin und Schirmherrin der Veranstaltung Heike Werner, Dr. med. Bernhard Schmude vom Verein „Stark gegen Krebs“ e.V., Christine Behrend von der Evangelischen Krankenhausseelsorge und Kirsti Senff vom Hospizdienst Arnstadt e.V. eingefunden, die unter der manchmal etwas schnoddrigen Moderation des Chefredakteurs beim MDR Thüringen Matthias Gehler eine sachliche und engagierte Gesprächsrunde bildeten.

 

Zuvor allerdings gab es als originellen Einstieg vom LIFE-Theater ein kleines Zwei-Personen-Stück „Das Spiel des Lebens: Tot aber glücklich“, das in seiner Eindringlichkeit an einen Klassiker wie „Warten auf Godot“ erinnerte. Im Unterschied zu diesem das Absurde schildernden Theaterstück wurde aber vom LIFE-Theater eher der Sinn des Lebens thematisiert, interessanter Weise, ohne dem Stück eine eindeutige Richtung etwa ins Christliche oder Atheistische zu geben. Immerhin erinnerte das Motto „Genieße den Augenblick“ eher an buddhistische Weisheiten und die vermittelte Einsicht, dass Glück flüchtig ist und vielleicht besser Zufriedenheit anzustreben ist, gemahnt von Ferne schon wieder an den Altmeister Goethe.

 

Hospizdienst muss ausgebaut werden

 

Nach diesem nachdenklich machenden, meisterhaft gespielten Einakter begann die eigentliche Diskussion, die sich durch Engagement und Nüchternheit der verschiedenen Experten auszeichnete. So betonte etwa die Seelsorgerin Christine Behrend, dass sie sich keinesfalls den Kranken aufdrängen und auch keine „Seelen retten“ wolle. Dr. Schmude gab einen bewegenden Bericht, wie er selbst seine Krebserkrankung bekämpft hat und betonte, wie wichtig für den Kranken in seiner Isolation der Kontakt zu anderen Menschen ist.

 

Auch Kirsti Senff vom Hospizdienst in Arnstadt wies auf die Bedeutung des Kontaktes für die Kranken und Sterbenden hin und regte ebenso wie die Ministerin an, den ambulanten Hospizdienst erheblich auszubauen. Auch müsse der Sorge vieler Kranker, anderen Menschen zur Last zu fallen, immer wieder entgegengetreten werden und ein offener und ehrlicher Kontakt zwischen Kranken und Gesunden angestrebt werden.

 

Letztlich war sich die Expertenrunde darin einig, dass noch viel getan werden muss, um Scheu und Angst vor den Sterbenden zu überwinden und einen zufriedenstellenden Umgang mit Kranken und Sterbenden herzustellen. Am besten solle jeder selbst sich fragen, ob er nicht einen Kranken oder eine Sterbende kennt, die er regelmäßig besuchen kann. In diesem Punkt kann man unbedenklich mit Goethe bekräftigen: „Im Anfang war die Tat!“

 

Klaus Ehring / 20.08.16 / TA