Presse: Dokumentation zur Oberkirche an Kirchgemeinde übergeben

Thüringer Allgemeine vom 02.03.2011

Ein schlichtes Langhaus wie hier in der Arnstädter Oberkirche ist typisch für Bettelordenskirchen des 13. Jahrhunderts. Foto: Christoph Vogel

Die Arnstädter Oberkirche ist ein bedeutendes Denkmal der Stadt. Wie bedeutend, das wurde jetzt den Besuchern eines Vortragsabends im Gemeindehaus einmal mehr bewusst.

Arnstadt. Mit Dr. Rainer Müller und Dr. Bernd Müller-Stückrad sprachen zwei ausgewiesene Experten zu Gestalt und Bedeutung sowie zu den Ergebnissen der Bauforschung an dem Gotteshaus, das zu den frühen Bauten der Franziskaner gehört. „Und es ist eine der wenigen Bettelordenskirchen, die auch nach der Reformation noch genutzt wurden“, wie Dr. Rainer Müller vom Thüringischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie erklärte. Kirchen dieser Art waren zunächst Zweckbauten mit langgestrecktem Grundriss, sie wurden später häufig zu Lagerhäusern oder Amtsstuben umgenutzt. Ein Beispiel ist das Kornhaus in Weimar. Nicht so die Arnstädter Oberkirche, deren charakteristische Architektur Müller sowohl mit anderen Bettelordenskirchen in Thüringen, als auch mit der „französischen Kathedralen-Gotik“ der Arnstädter Liebfrauenkirche verglich. Müller belegte mit Fotos gar erstaunliche Parallelen der Liebfrauenkirche zur Kathedrale Notre-Dame in Paris. Die viel schlichtere Oberkirche ist für Fachleute ebenfalls interessant, weil sie nicht die sonst typischen „Barockisierungen“ erfuhr. Ihre sehr reiche Ausstattung durch den Schwarzburgischen Baumeister Burchard Röhl (1588 – 1643) entstand in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Auch dies sei etwas ganz Seltenes, wie Dr. Müller betonte.

Bernd Müller-Stückrad aus Eisenach hat im Auftrage des Landesdenkmalamtes in den vergangenen zwei Jahren nicht nur Schriftquellen und Pläne zur Oberkirche gesichtet, sondern auch das Gebäude selbst untersucht. Wobei der Schwerpunkt auf der unverputzten Außenseite der Südwand und der Nordwand des Kreuzganges lag, wo sich verschiedene Bau- Etappen ablesen lassen. Der Bauforscher hat anhand der Jahresringe im Holz Bauzeiten ermittelt, Mörtel und Steinbearbeitung verglichen, Steinmetzzeichen kartiert. Wichtiges Ergebnis der Untersuchungen ist ein Baualtersplan, dessen erste Etappe die Jahre von 1246/47 bis 1260 umfasst. Bereits zehn Jahre später wurde wieder gebaut, dabei das Langhaus auf fast 60 Meter verlängert und aufgestockt – auch ein Zeichen für den Erfolg der Franziskaner, die offenbar Platz für die vielen Gläubigen benötigten. In Bauphase III (1285 bis 1300) entstand der Kreuzgang, im 15. Jahrhundert wurde dieser aufgestockt und der Turm gebaut, der ursprünglich eine hohe, spitze Haube hatte. Weitere Bauphasen lagen im 19. und 20. Jahrhundert. Hierzu gibt es zahlreiche Briefe und Akten, die unter anderem belegen, dass bei den Arbeiten vor 100 Jahren ziemlich rabiat vorgegangen wurde. Trotz akribischer Untersuchungen konnte auch Dr. Müller-Stückrad nicht alle Geheimnisse klären. Zum Beispiel das von vier Balkenköpfen aus der Entstehungszeit der Kirche, deren Sinn und Zweck weiter im Dunkeln bleibt. Sicher scheint indes, dass einst ein Lettner das Langhaus in den Bereich der Ordensbrüder und den für das Volk teilte. Darauf weisen alte Maueröffnungen hin. Der Lettner sei nach der Reformation und dem Auszug der Mönche abgerissen worden. Je länger man sich mit dem Bauwerk auseinander setze, um so länger werde der Fragenkatalog, bemerkte Dr. Müller-Stückrad, der nach den Vorträgen an Superintendentin Angelika Greim-Harland einen dicken Aktenordner mit der Baudokumentation übergab. Die sich anschließende Diskussion konzentrierte sich vor allem auf das Spannungsfeld zwischen Denkmalerhalt und dem künftigen Nutzungskonzept. Darf man für die Zugänglichkeit des Kreuzganges auch eine neue Öffnung in eine historische Wand schlagen? Er sei dagegen, alles zu konservieren und nichts zu verändern, betonte Oliver Bötefür, der sowohl der Kirchgemeinde, als auch dem Oberkirchen-Verein angehört. Eingriffe müssten möglich sein. Diese Diskussion steht noch an – und sie wird nicht einfach, bemerkte die Superintendentin. Der Bedarf sei groß, mit den Fachleuten weiter im Gespräch zu bleiben.

Antje Köhler / 02.03.11 / TA