Bestand und Geschichte¹

 

Bei dem sogenannten Adelsstand handelt es sich um eine eigenständige, in sich durch Tür- und Fenstereinbauten abgeschlossene, zweigeschossige, fachwerkartige Holzbaukonstruktion.

Derartige Kirchenausstattungen, vom allgemeinen Kirchengestühl abgesonderte, hervorgehobene Sitzplätze, werden auch als Logen, Stuhl oder Prieche für höhere Stände (Patronat/ Adel/ Fürsten/Grafen) einer Kirchgemeinde bezeichnet.

Der Adelsstand befindet sich im Anschluss an den Chorbereich der Oberkirche an der Nordwand des Langhauses angesetzt auf einer Gesamtlänge von 9,65 m und ca. 5,90 m Höhe, und ist konstruktiv ins Mauerwerk eingebunden.

Das auf einem massiven Sockel liegende Untergeschoss des Adelsstandes wurde Ende des 16. Jh./1590 als „Gräfinwitwenstand“ für Gräfin Katharina2, der Witwe von Graf Günther XLI. von Schwarzburg-Arnstadt (genannt „der Streitbare“, † 1583)3 erbaut. Die Renaissanceausstattung der Kirche komplettierend, etwa zeitgleich, Ende des 16. Jh. wurden auch die heute noch in der Kirche befindlichen, bildergeschmückten, zweigeschossigen Emporen an der gegenüberliegenden Südseite des Langhauses errichtet sowie einige Epitaphe im Chor4.

Mittig des Untergeschosses tritt ein Teilbereich erkerartig aus der Fassadenflucht hervor. Eine kleine Fensteröffnung in der Nordwand wurde zur rückseitigen Belichtung des Untergeschosses angelegt. Die großen Kirchenschifffenster im Bereich des Standes, wurden offensichtlich nicht zur Belichtung genutzt, sondern waren zugesetzt, mit Brettern vom Innern des Standes aus verschalt (vorhandene Aussparungen/Einschubnuten in den Deckenbalken im Untergeschoss-Fensterbereich). Der Zugang zum Untergeschoss erfolgt über eine Türöffnung mit vorgelagerter, kleiner Holztreppe an der Ostseite. Eine Ofenbeheizung dieses Standes war nicht vorhanden.

Der Aufbau des Obergeschosses/die Aufstockung des Standes erfolgte erst später, nach dem Tod der 1624 verstorbenen Gräfin laut Chronik Anfang des 17. Jh. bzw. in der 1. Hälfte des 17. Jh. Noch während des Dreißigjährigen Krieges wurde der Kircheninnenraum durch die Werke Burchard Röhls im frühbarocken Stil ergänzt/neugestaltet5.

Der Zugang zum Obergeschoss des Adelsstandes erfolgte über eine separate Außentreppe an der Nordfassade/Ecke Turmanbau durch eines der beiden großen Schifffenster hindurch (siehe dazu im Anhang historische Messbildaufnahme von 1983 – Abb. 8 und Bestandsplan Nordwand von Wittich/1989 – Außentreppe gleichzeitig Turmzugang, heute bereits wieder rückgebaut, Schifffenster wiederhergestellt und mit neuem, rekonstruiertem Maß-/Stabwerk versehen – Baumaßnahmen der 1980-er/frühen 1990-er Jahre). Das Obergeschoss des Standes ist derzeit nur eingeschränkt durch Leiterstellung vom Untergeschoss aus zugänglich.

 

Die Brüstungen beider Adelsstandgeschosse sind als Kassettenfelder gestaltet und mit Bemalungen biblischer Szenen versehen:

Die Bemalungen am Untergeschoss – es handelt sich hier um 10 Stck. Leinwandgemälde, aufgenagelt auf eine hölzerne Brettertafel als eingesetzte Brüstungstafeln – zeigen Szenen aus Matthäus Kapitel 25 (Neues Testament): Neben den klugen und törichten Jungfrauen (Bild 1 und 2) die Werke der Barmherzigkeit nach Matthäus Kapitel 25 (Bilder 3- 10) mit zentraler Darstellung des Jüngsten Gerichts im Bereich des Erkers (Bild 6).

Jeweils oberhalb der Bilddarstellung auf der Brüstungskonstruktion steht der zugehörige Bibelspruch geschrieben.

Bei den Bemalungen der Brüstungsfelder des Obergeschosses handelt es sich um 6 Stck. eingesetzte Holztafelbilder, einige mit der Jahreszahl 1671 als Inschrift versehen, welche Szenen aus der Abrahamsgeschichte (Altes Testament, Tafel 1 bis 6) zeigen, daneben finden sich an der dem Chor zugewanden Fassadenseite kleine Brüstungstafeln mit Bibelversen als Inschriften kombiniert mit Wappendarstellungen (Tafel 7/8/9).

Oberhalb der Brüstungen beider Geschosse befinden sich jeweils bleiverglaste Butzenscheiben-Holzfenstereinbauten (im Unter- und Obergeschoss in unterschiedlicher Teilung/Größe).

 

Als Bekrönung auf dem Kranzgesims des Obergeschosses sind 26 Stck. Wappentafeln bzw. Wappenschildeaneinandergereiht aufgesetzt. Es handelt sich hierbei um ausgesägte Holztafelbilder (Laubsägearbeit) mit Wappendarstellung und Inschriften zu den Nassauer und Schwarzburger Vorfahren/zugehörigen Adelsfamilien. Bei der Aufstockung des Obergeschosses wurden diese Wappentafeln, laut Chronik der Oberkirche Arnstadt, wiederverwendet6.

Die heraldische Darstellung des gemehrten Wappens der Grafen von Schwarzburg, Herren von Arnstadt und Sondershausen auf den Wappentafeln (betrifft Tafel Nr. 6 und 8) kann stilistisch in die Zeit um 1600 eingeordnet werden.7 Eine artgleiche Darstellung des Wappens findet sich auf dem Hängewerk des Epithaphs für Graf Günther XLI. von Schwarzburg aus dem Jahr 1594 und stilistisch/technologisch sehr ähnliche Wappenmalereien als Bekrönung auf dem Fürstenstand von 1610.

Wahrscheinlich ist eine Veränderung der Aufstellung der einzelnen Wappentafeln vermutlich im Zuge der Obergeschoss-Aufstockung bzw. darauffolgenden baulichen Maßnahmen, da sich analoge Wappentafeln auch aufgestellt auf dem gegenüberliegenden Kleinen Gräfinnenstand von 1645 befinden.

Die unterschiedliche Entstehungszeit der beiden Adelsstandgeschosse spiegelt sich neben den stilistischen/technologischen Unterschieden der Brüstungsgemälde auch in Form und Fassung der verwendeten Architekturzierelemente wieder.

Die heutige Sichtfassung in der Farbkombination Oxidrot/Schwarz/Hellgrau/Blaugrau stellt bereits eine jüngere Überfassung dar, welche beide Geschosse mehr als Einheit zusammenfasst.

 

Bei den in der 1. Hälfte des 18. Jh. erfolgten baulichen Umbauten/Umgestaltungen im Kirchraum war der Adelsstand wohl nicht betroffen (Arbeiten am Adelsstand nicht eindeutig archivarisch belegt) – ein 1744 geplanter völliger Umbau wurde nicht umgesetzt8. Vorhandene Baunähte/Anstückungen innerhalb der Obergeschoss-Holzkonstruktion sowie alte Nagellöcher/durchgehend industrielle Nagelungen im Obergeschoss-Bereich deuten auf zwischenzeitliche bauliche Veränderungen/Reparaturen im 19. Jh. hin. 1828 ist archivarisch lediglich das Abkehren der Wände, das Waschen der Wände am herrschaftlichen Stuhl, Altar, Kanzel und Taufstein belegt9.

Bei der archivarisch durch Rechnungen belegten, umfassenden Renovierungs-/Umgestaltungsphase um 1900 erfolgten auch umfangreichere bauliche Maßnahmen/Neufassungen an den Kirchenständen u. a. im Zusammenhang mit der Fußbodenerneuerung (Zementbeton), so auch am Adelsstand.

 

20.12.1899

Schreiben an den Oberkonsistorialrat vom Baugewerksmeister Schubert, betrifft Neuherstellung des Anbaus und Holzverwendung

„Der Anbau in dem der Aufgang nach der Adelsloge und Turm führend ist so baufällig daß eine Neuherstellung desselben sich notwendig macht. Das abgebrochene Holz kann auch nicht wieder zum Einbau verwendet werden, ….“.

1901

 
 

23.-29 Juni:

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

11.-17. August:

Abrechnung über ausgeführte Maurer- und Zimmerarbeiten bei der inneren Restaurierung der Oberkirche von B. Schubert (Hofbaugewerksmeister)

Adelsstand teilweise abgebrochen, Wiederherstellung und Fundierung desselben

  • 143 ½ Maurergesellenstunden

  • 10 Arbeiterstunden

  • 116 ½ Zimmergesellenstunden

  • 1 Fuhre Kalk

  • 1 Fuhre Sand

  • 1080 Stück Backsteine

  • 1 Stück Bohle

  • 7,50 qmtr. Bretter

  • 40 Stück 18cm lange Drahtnägel

  • 1 Paket Drahtnägel

Adelsstandsockel, Nischen und sämtliche Sockel im Schiffraum mit Zement geputzt, Konsolen am Adelsstand angefertigt und angebracht pp.

01.07.1901

Rechnung des Hofdekorationsmalers Carl Leisenberg an den Kirchen- und Schulvorstand zu Arnstadt u.a.

  • Anstrich der Emporen, Pfeiler etc. mit Ölwachsfarbe deckend gestrichen und Fasen etc. abgesetzt

  • den unteren Teil des Taufsteins in Übereinstimmung zum alten Anstrich neu mit Ölwachsfarbe gestrichen und bronziert

  • den Vorbau und das Wappen am Treppenaufgang zur Kanzel desgleichen, wie vorgestrichen, bronziert und aufgemalt

  • den Adelsstand von außen in überlieferter Weise neu gestrichen und aufgemalt rot.

  • 864 Stück Buchstaben und Ziffern der Sprüche daselbst in der alten Weise abgezeichnet und wieder neu geschrieben

  • 20 Stück Ölgemälde am Hofmarschallstand (meint den Kleinen Gräfinnenstand an der Südseite) und am Adelsstand aufgefrischt und ausgebessert

  • Im Adelstand 8,89 qm. einige Bretter zweimal gefirnisst

08.06.1901

Rechnung des Hofdekorationsmalers Carl Leisenberg an den Kirchen- und Schulvorstand zu Arnstadt, betrifft Renovierungsarbeiten am Fürstenstande u.a. auch:

  • 31 Stück kleine Wappenschilder am Adel- und Hofmarschallstand gereinigt und ausgebessert, bzw. aufgemalt

So wurde der Sockel des Adelsstandes neu in Backsteinmauerwerk hergestellt und mit Zementputz verputzt (heutiger Zustand). Nach damals geltender Restaurierungsauffassung wurde die Fassung des Standes neu aufgemalt/gefasst in der überlieferten Art und Weise (heutige Sichtfassung).

Im Zuge notwendiger Maßnamen zur Instandsetzung der Raumschale/Dach bzw. erforderlicher Sanierungsarbeiten wurde der Adelsstand Ende des 20. Jh. bis auf das konstruktive Holzgerüst völlig demontiert. Brüstungsgemälde, bleiverglaste Fenster, Wappentafeln und diverse Kleinteile der Standarchitektur in das Kunstgutlager der Kirche – Kammer 2 – eingelagert10, dabei wurden stark geschädigte/befallene Teile des hölzernen Innenausbaus/Konstruktion des Adelsstandes auch entsorgt. Der Vorzustand und ausgebaute Teile des Innenausbaus wurden dabei leider nicht ausreichend dokumentiert (Einbausituation Brüstungs-/Wappentafeln, Bretterdielung der Fußböden, eventuell vorhandener Stützen/Streben/Verschalungen usw.).

2002 erfolgte eine umfangreiche Schwammsanierung und Neuverputz (Sanierputz im Sockelbereich) der Nordwand.

Historische Schwarzweiß-Fotoaufnahmen des Kircheninnenraumes aus dem 20. Jh. zeigen den Adelsstandes noch vor den Demontagearbeiten:
Es existieren besonders gute Schwarzweiß-Fotoaufnahmen des LAD Thüringen/Institut für Denkmalpflege Erfurt vom Adelsstand aus dem Jahr 1978 mit den zugehörigen Brüstungsbildern, Fenstern und Wappentafeln noch im eingebauten Zustand (Gesamtaufnahmen/Detailaufnahmen der Bildtafeln) sowie auch entzerrte Messbildaufnahmen der Nordwand im Bereich Adelsstand vom IfD Erfurt von 198311, welche für den Wiederaufbau genutzt werden können.

 

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1 Fontanive, Nicole: Arnstadt Oberkirche, Adelsstand, Restauratorischer Untersuchungsbericht, 2011; übernommener Wortlaut

2 Katharina bzw. Catharina, eine Schwester Wilhelms von Oranien, geborene Gräfin von Nassau- Dillenburg/ Katzenelnbogen (*1543–†1624)

3 Günther XLI. ein Sohn Graf Günthers XL. (genannt der Reiche o. der mit dem fetten Maule) und Gräfin Elisabeths († 14. Mai 1572), Tochter des Grafen Philipp von Isenburg- Büdingen zu Ronneburg

4 laut Bau- und Ausstattungschronik der Oberkirche Arnstadt, Ende des 16. Jh. auch Epitaph von Packmor †1583 und Epitaph Kirchberger †1593 an der Chorsüdwand, Epitaph Scheller †1581 und Epitaph Günther d. Streitbare †1583 an der Nordwand des Chores.

5 siehe Angaben Kunstguterfassung K. Bree/März 1995, Anfang des 17. Jh. auch errichtet neue Orgel 1611, Fürstenstand/Großer Grafenstand 1610-20, an der Chorsüdwand Epitaph Koch †1621, Anbau Kleiner Gräfinenstand an der Südwand 1645, Werke B. Röhls aus der 1. Hälfte des 17. Jh. (an der Chornordwand Epitaph Güttlich †1625, 1625 Kanzel, 1639 Taufe, 1641 Hochaltar)

6 Chronik der Oberkirche Arnstadt aufgestellt von H.-U. Orban/2008

7 http://www.dr-bernhard-peter.de/Heraldik/schwarzburg.htm anhand von Wappenbüchern/Wappenbriefen/Wappenrollen (Photos und Beschreibung alter Wappen in architektonischem Zusammenhang)

8 1715 Einbau viergeschossiger Emporen an der Nordwand, Röhl-Kanzel hierzu verändert, gleichzeitig Aufstockung der Südempore und des Fürstenstandes/Kleinen Gräfinenstandes an der Südwand in rohem Holz/ungefasst (Einbauten heute nicht mehr vorhanden – zwischenzeitlich wieder rückgebaut), 1725 Bau des heutigen Tonnengewölbes mit Mansardenfestern.

9 Rechnung Tünchermeister Künoldt 18.11.1828, Maßnahmen anlässlich des Konfirmationsfestes der Prinzessin Louise

10 Eine Schwarzweiß-Fotoaufnahme der Kunstguterfassung von K. Bree/März 1995 zeigt den Adelsstand bereits bis auf das Holzgerüst völlig demontiert. Siehe auch Aufstellung des eingelagerten Kunstgutes der Oberkirche von Restaurator A. Hornemann/September 2001.

11 Quelle: Aktenarchiv Superindendur, Blaue Mappe „Oberkirche“ (Zeichnungen-Skizzen-Fotos)