Presse: Kirchenbibiothek geht auf schwarzburgischen Oberst zurück

Thüringer Allgemeine am 3. Juni 2017

 

Die Reinigungen und Restaurierungen dauern länger als geplant. Ein Vortrag von Buchhistorikerin Felicitas Marwinski.

 
In der Oberkirche in Arnstadt wurde die historische Arnstädter Kirchenbibliothek auch in Bildern vorgestellt. Foto: Kerstin Nonn In der Oberkirche in Arnstadt wurde die historische Arnstädter Kirchenbibliothek auch in Bildern vorgestellt. Foto: Kerstin Nonn
 

Arnstadt. In der Arnstädter Oberkirche fand am Donnerstagabend ein weiterer Vortrag im Rahmen der vom Kirchenkreis organisierten Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum statt. Im Mittelpunkt stand diesmal die historische Arnstädter Kirchenbibliothek, die in der Sakristei der Oberkirche aufbewahrt wird.

 

Entgegen der ursprünglichen Planungen sind die Bücher wegen anstehender Reinigungen und Restaurierungen nicht im Frühjahr nach Arnstadt zurückgekehrt. Der Bibliothek sollte im Veranstaltungsprogramm dennoch ein würdiger Platz eingeräumt werden, so dass aus der „Präsentation“ der Bibliothek ein Vortrag wurde. Dafür wurden einige besonders interessante Bücher nach Arnstadt geholt, die im Anschluss – wie auch der noch leere Bibliotheksraum – vorgestellt wurden.

 

Die Referentin, die renommierte Buchhistorikerin Felicitas Marwinski aus Weimar, beschäftigt sich bereits seit mehr als dreißig Jahren mit dem Arnstädter Bestand und entführte die mehr als 80 Gäste in die abwechslungsreiche Geschichte der Büchersammlung.

 

Diese entstand als typische städtische Kirchenbibliothek des frühen Protestantismus aus einer Stiftung des schwarzburgischen Oberst Leo von Packmor ab 1588. Durch weitere Spenden aus der gräflichen Familie, der Geistlichkeit und natürlich auch aus der Arnstädter Bürgerschaft wuchs der Bestand rasch auf viele Hundert Titel an. Zentral waren immer theologische Werke – zum Beispiel die Arbeiten der Kirchenväter, doch finden sich auch viele Bücher zu Geografie, Medizin und Geschichte im Bestand.

 

Neben ihrer Funktion als Handbibliothek der Pfarrer sollten die Bücher auch der Bildung der städtischen Schüler und der Bevölkerung dienen. Vorgesehen war, dass „jedermann sich Bücher vier Wochen lang ausleihen konnte“. Felicitas Marwinski verschwieg aber nicht, dass davon kaum Gebrauch gemacht wurde – auch und vor allem deshalb, weil die meisten Einwohner nichts von dieser Möglichkeit wussten. Auch deshalb, vor allem aber wegen des Einsatzes vieler Arnstädter blieb die Büchersammlung seit nunmehr 428 Jahren an Ort und Stelle. So verhinderte man etwa 1913, dass die Bücher in die schwarzburgische Landesbibliothek nach Sondershausen gebracht wurden.

 

Das älteste Buch in der Sammlung ist eine Handschrift aus dem Kloster Walkenried aus dem 13. Jahrhundert, die beispielhaft zeigt, dass auch vorreformatorische Bücher angeschafft wurden. Die meisten Bücher stammen aus dem 16. Jahrhundert. Marwinski betonte die besondere, überregional bedeutende Stellung der Bibliothek, da die Bücher noch immer im originalen Zusammenhang der Entstehungszeit in der Klostersakristei mit dem Grabstein und dem Epitaph des Stifters davor erhalten sind.

 

Von der Möglichkeit, sich die ausgestellten Bücher genau anzusehen, wurde nach dem Vortrag dann auch rege Gebrauch gemacht. Mitglieder des Oberkirchenvereins ermöglichten dies in gelöster Stimmung und bei einem Glas Wein.

 

Der nächste Vortrag in der Reihe findet in Kooperation mit dem Marienstift und dem Verein „Altes Spittel“ am 15. Juni um 19.30 Uhr in der Himmelfahrtskirche mit anschließendem kleinem Empfang im Spittel statt. Julia Mandry aus Jena spricht dann zu „Hospitälern und Armenfürsorge im Spätmittelalter und während der Reformation“.

 

Martin Sladeczek / 03.06.17
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