Presse: Arnstädter Perspektivenwechsel lockt viele Gäste in die Oberkirche

Thüringer Allgemeine vom 19.10.2013

 

Eindrucksvoll schilderte Renan Demirkan, dass Toleranz und Respekt nicht viel miteinander zu tun haben. Damit lieferte sie den Anstoß für eine interessante Diskussion. Ein kleines Klarinettenkonzert und ein Lichtspektakel rundeten den Abend in der Oberkirche ab. Foto: Hans-Peter Stadermann

Eindrucksvoll schilderte Renan Demirkan, dass Toleranz und Respekt nicht viel miteinander zu tun haben. Damit lieferte sie den Anstoß für eine interessante Diskussion. Ein kleines Klarinettenkonzert und ein Lichtspektakel rundeten den Abend in der Oberkirche ab. Foto: Hans-Peter Stadermann

Arnstadt (Ilmkreis). Verein will künftig häufiger Kunst und Diskussionen miteinander verknüpfen und Gotteshaus zum Treffpunkt machen.

Worte sind ihre Heimat. Sie denkt und spricht sie nicht nur. „Ich kann sie auch schmecken.“ Als Renan Demirkan am Donnerstagabend diesen Satz in der Oberkirche sagt, schmunzeln viele der Gäste. Doch wenig später geraten sie sichtlich ins Grübeln.

 

Denn Toleranz, sagt die Künstlerin, klinge nicht nur komisch, sondern schmecke auch nicht gut. Ihr Gefühl habe sie nicht getrogen, sagt die Künstlerin, die Bühnenerfahrungen hat, aber auch Bücher schreibt. Ein Wörterbuch enthüllte die wahre Bedeutung von Toleranz. „Das heißt dulden und bedeutet zugleich, jemanden auf Abstand zu halten“, erklärte sie.

 

Toleranz bedeutet nicht Respekt

 

Was es mit Toleranz auf sich hat, habe sie, die gebürtige Türkin, schon oft erlebt. Selbst kleine Bemerkungen wirken manchmal wie Zurückweisungen, wie Beleidigungen. Wer andere Menschen nur dulde, bemühe sich nicht darum, sie und ihre Beweggründe zu verstehen.

 

Hinter die Kulissen zu schauen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, lasse sich nicht mit Toleranz umschreiben. „Das ist Respekt.“ So hat Demirkan auch ihr neuestes Buch genannt. Aus ihm las sie vor – als Einstimmung auf den ersten Arnstädter Perspektivenwechsel, zu dem der Verein Oberkirche eingeladen hatte.

 

„Unsere einstige Stadtkirche war viele Jahre auch ein kulturelles und gesellschaftliches Zentrum. Diese Bedeutung wollen wir ihr zurückgeben“, erklärte Organisatorin Renate Rupp.

 

Der Verein möchte Menschen miteinander ins Gespräch bringen – über Themen, die es seit Jahrhunderten gibt, die aber auch heute noch Relevanz haben. Für die Auftaktveranstaltung des Perspektivenwechsels wählten die Mitglieder die biblische Geschichte von Kain und Abel und holten sich neben Superintendentin Angelika Greim-Harland und der Schriftstellerin die Studentin Juliane Harland, die Thüringer Ausländerbeauftragte Petra Heß , TA-Kulturkritiker Henryk Goldberg und Pfarrer Mikle Damm, der sich im Bündnis gegen Rechtsextremismus engagiert, ins Podium. Journalist Christian Stadali moderierte die Gesprächsrunde.

 

Das Gefühl der Zurückweisung, meinte Stadali, kenne jeder Mensch. Henryk Goldberg pflichtete ihm bei. Schon von Berufs wegen komme er nicht umhin, Menschen zu kritisieren. „Ich weiß, wie ein Verriss auf einen Schauspieler wirkt. Wenn ich das aber beim Schreiben immer mitdenken würde, könnte ich diesen Beruf nicht ausüben“, führte er an. Renan Demirkan hat damit kein Problem. „Etwas Schlechtes zu erkennen und sich damit auseinanderzusetzen, bedeutet, es auch ernst zu nehmen. Das entspricht durchaus meinem philosophischen Begriff des Respekts“, so die Schriftstellerin.

 

„Für mich war Toleranz bis heute Abend ein positiv besetztes Wort“, gab die Ausländerbeauftragte Petra Heß zu. Sie sei ins Grübeln gekommen und entdecke auch in ihrem Arbeitsumfeld Dinge, die wenig respektvoll seien. So trügen Formulare Namen, die eigentlich gar nicht existieren dürften. Petra Heß plädierte dafür, das Miteinander der Menschen zu stärken. „Intoleranz entsteht vor allem aus einem Mangel an Begegnungen“, weiß sie. Insbesondere im ländlichen Raum hätten die Bewohner kaum mit Ausländern zu tun. Ihre Vorurteile stünden daher auf tönernen Füßen.

 

Dagegen anzuschreiben sei indes unmöglich, sagte Henryk Goldberg. Wie Menschen denken oder fühlen, sei Teil eines längeren Prozesses. Einzelne Artikel würden diesen Prozess zwar beeinflussen, aber nicht gänzlich drehen können.

 

Dennoch sollte man es versuchen, fand Juliane Harland. Sie diskutiere oft mit Kommilitonen. Einen Standpunkt zu haben, bedeute ja nicht, auf ihm stehen bleiben zu müssen. „Ich kann mich in einer Diskussion auch bewegen.“

 

Ein Freund deutlicher Worte ist Mikle Damm. Aufrecht durchs Leben gehen, sich nicht verbiegen lassen und seine Meinung sagen – das sei für ihn normal. „Ich denke nur selten darüber nach, ob mir eine solche Haltung ein Kainsmal aufdrückt.“

 

Angelika Greim-Harland freute sich sehr über die Veranstaltung. Zu DDR-Zeiten habe die Kirche Menschen einen Schutzraum geboten, die nach mehr suchten. Auch heute noch sei es wichtig, sich als Kirchengemeinde zu öffnen und mit Menschen in den Dialog zu treten. Das sei beim Arnstädter Perspektivenwechsel ganz hervorragend gelungen. Das Lob kam bei den Vereinsmitgliedern gut an – ebenso bei den vielen Gästen. Die Veranstaltung, sagte Renate Rupp, soll wegen der guten Resonanz keine Eintagsfliege bleiben.

 

Britt Mandler / 19.10.13 / TA

 

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