Presse: Hinter verschlossenen Türen: Bücherschatz im Kreuzgang

Thüringer Allgemeine vom 17.11.2012

08.10.2012 Bücherfunde in der Oberkirche Arnstadt hier Pfarrer Thomas Kratzer Foto: Peter Hansen

Die Sanierung der Oberkirche brachte Schriften und Akten wieder ans Tageslicht. 32-bändige Beschreibung der Welt um 1780, aber auch Akten über Streit der Herrnhuter Brüdergemeine.

 

Arnstadt. Der Schatz lag verborgen im Kreuzgang des ehemaligen Franziskanerklosters in Arnstadt. Wem das Kloster beim ersten Hören nichts sagt, der muss wissen, dass das der Vorläufer der heutigen Oberkirche in Arnstadt war, die nun schon seit Jahren äußerst umfänglich saniert wird. Und genau diese Instandsetzung des historisch wertvollen Gemäuers war letztlich der Auslöser für den überraschenden Fund. „In den Kreuzgang war eigentlich kein Hineinkommen, alles war regelrecht zugerammelt mit Kisten, Kartons und Aktenstapeln“, beschreibt Pfarrer Markus Blume. Doch weil die Sanierung ansteht, Begehungen möglich sein mussten, wurde alles freigeräumt. Dabei wurde „eine Lehr- und Lernbibliothek, ziemlich vollständig, aus der Mitte des 18. Jahrhunderts entdeckt“, sagte Superintendentin Angelika Greim-Harland. Pfarrer Blume war es schließlich, der die Bestände zwischen Dezember 2011 bis in den Sommer dieses Jahres hinein sichtete, ordnete und so einen Überblick dafür bekam, was sich in den Tiefen des Kreuzganges tatsächlich verbarg. Aufgetaucht ist schließlich die Fürstliche Bibliothek des Gymnasiums Arnstadt, zudem umfangreiche Bestände theologischer Literatur, „aber auch Akten und Bücher der Suptur Ichtershausen, die früher zum Haus ,Sachsen-Weimar und Eisenach gehörten und wahrscheinlich 1923/24 aufgelöst und als Bestände nach Arnstadt gebracht worden sind“, so Blume weiter. Alles, was in den über 100 Kartons eingelagert war, ist jetzt zumindest gesichtet und nach Wissensgebieten geordnet. Unterteilt wurden die Funde in Neues und Altes Testament, Kirchengeschichte und Bildungsliteratur. „Wir haben auch festgestellt, dass viele Bücher in die Bibliothek im Pfarrhof 10 in Arnstadt gehören und wahrscheinlich wegen des Brandes Anfang der neunziger Jahre in aller Eile ausgelagert wurden und dann über den Umweg der Bachkirche in der Oberkirche im Kreuzgang gelagert worden sind“, sagte Pfarrer Blume. Dort aber sind die Bücher und Akten offenbar in Vergessenheit geraten und erst jetzt wieder gefunden worden.

Bücher für den ganz normalen Schulalltag

Es ist schon sehr bemerkenswert, was Markus Blume so plötzlich in seinen Händen hatte. Beeindruckt hat ihn die „Beschreibung der bekannten Welt um 1780“, ein in Gotha gedrucktes Werk in 32 Bänden. Keine Prunkausgabe, eher ein für den Schulalltag gedachtes Werk, reich mit Stichen auch von Indianern und Afrikanern bebildert. Gerade solche Werke, die einst im Schulalltag genutzt wurden, sind oft im Laufe der Jahrzehnte verschwunden. Oder eine Schrift aus dem Jahr 1812, die sich bereits damals mit dem Tierschutz auseinandersetzte sowie umfangreiche Handlexika. Blume: „Es sind Zeugnisse, wie die Menschen zu jener Zeit gedacht, gefühlt und gehandelt haben.“ Weit über tausend Bücher und Akten steckten in den Kartons. Die Akten wurden grob unterteilt in Schriften von vor 1920, diese kamen in das Landeskirchenarchiv nach Eisenach. Alles, was nach 1920 datiert war, wird zunächst den Beständen der Supturbibliothek in Arnstadt hinzugefügt. Aufschlussreich war auch das Blättern in den alten Akten. Dort war beispielsweise über Auseinandersetzungen der Herrnhuter Brüdergemeine mit dem damaligen Bürgermeister von Neudietendorf über die Nutzung des Betsaals zu lesen. Um die überraschend gefundenen Bestände tatsächlich im Detail sämtlich auf Wert zu prüfen und richtig einzuorden, sind sicherlich Jahre notwendig, schätzt Markus Blume ein. Der älteste Fund stammt immerhin aus dem Jahr 1680, der jüngste ist datiert mit 1989. Erstaunlich ist der gute Zustand der Bücher, trotz einfachster Lagerung. Ursache dafür sei wahrscheinlich ein kaputtes Fenster im Kreuzgang gewesen, welches für Zugluft sorgte, außerdem war der Kreuzgang trocken. Mittelfristiges Ziel ist es, mit der Fertigstellung des nördlichen Kreuzgangs dort eine Lernbibliothek öffentlich zugänglich einzurichten.

Frank Buhlemann / 17.11.12 / TA
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