Presse: Im Land der Durchreisenden

von Peter Lauterbach

Freies Wort – in Südthüringen.de am 08.09.2012

ein weiterer Beitrag zum Lutherweg in Arnstadt mit der Oberkirche findet sich auf den Seiten 24 und 25 im Hörselbergbote Nr.  91/2012

 

Der Redakteur Peter Lauterbach steht am Donnerstag (06.09.2012) im ehemaligen Franziskanerkloster an der Oberkirche in Arnstadt. Der Lutherweg fuehrt hier entlang, die Etappe fuehrt von Arnstadt nach Paulinzella. Foto: Michael Reichel (ari)

Eine Schüssel gesottener Krebse mit Petersilie garniert“ – der Martin Luther, lieber Wanderkollege Brückner, muss ordentlich Kohldampf gehabt haben, als er 1506 der Stadt zum ersten Mal angesichtig wurde. Man kann sich gut vorstellen, wie die mit viel Grün durchzogene, rot gedeckte Altstadt vor den Augen des Hungrigen zum Sonntagsschmaus mutiert. Wobei ich mich natürlich schon ein wenig darüber wundere, welche kulinarischen Träumereien seinerzeit im Gehirnskasten eines jungen Mönchleins – der Luther war ja gerade mal 23 – vor sich gingen. Andererseits: Wie man aus akribischer Untersuchung der Abfallgrube seines elterlichen Anwesens in Eisleben weiß, lebte die Unternehmerfamilie Luther nicht schlecht und nahm sogar gebrutzelte Singvögel zu sich – eine ausgesprochene Delikatesse. Der jungen Martin war also gewohnt, was Anständiges auf dem Teller vorzufinden. Was ihm aber in den Sinn kommen könnte, würde er heute von der Alteburg auf die Stadt schauen, kann ich leider nicht feststellen. Denn zehn Uhr morgens ist der Turm noch zugesperrt. Den Schlüssel gibt’s in der zugehörigen Kneipe. Aber erst um halb zwölf. Solange warten will ich nicht.

Hering in Öl

Und weil ich meinen Hals auch nicht so lang strecken kann, um über die Bäume hinweg hinunter ins Tal schauen zu können, trolle ich mich wieder vom Berg. Am Kriegerdenkmal erblicke ich dann doch eine Lücke im Gebüsch, die den Blick auf das Industriegebiet am Erfurter Kreuz eröffnet. Oho, aha, na sieh mal einer an! Alles glänzt und schimmert silbrig grau. Je länger ich hinschaue, umso deutlicher kommen mir – um bei Luthers Wassergetier zu bleiben – Heringshappen mit Zwiebelringen in Öl in den Sinn. Später werde ich mir bei „Elmi“ am Marktplatz, Deutschlands wohl einzigem Backladen mit Geldautomat, ein Putenfleischbrötchen kaufen. Für unterwegs. Nach Paulinzella sind es immerhin 20 Kilometer.

Der Lutherweg – nun ja – durchquert offenbar irgendwo die Stadt. Zum ersten Mal entdecke ich das grüne „L“ an einem Straßenschild in der Nähe des Friedhofs. Aber auch nur, weil hier die Lutherbuche steht, auf die mich eine nette Dame in der Tourist-Info hingewiesen hatte. Das städtische Auskunftsbüro gab sich sowieso viel Mühe mit mir. Es reservierte nach meinem Telefonanruf am Vortag sogar einen der offenbar raren Flyer vom Pilgerweg Erfurt – Paulinzella für mich und fand heraus, dass dieser Weg mit dem furchteinflößenden Titel „Auf den Spuren starker Frauen“ mit dem Lutherweg identisch ist. Denn selbstverständlich gibt es im vollmundigen Thüringer Tourismusbetrieb keine Karte des Lutherwegs oder so etwas in diese Richtung. Wozu auch solcher Service? Der Wanderer heute soll sich schließlich wie der Reformator einst seinen Weg durch die Welt selbst bahnen.

Warum aber ausgerechnet an der Arnstädter Oberkirche, die einst zum Franziskanerkloster gehörte, das grüne „L“ fehlt, bleibt das Geheimnis der Lutherwanderwegkonstrukteure. Denn hier nahm Martin 1506 Quartier und fand in dem Barfüßer Heinrich Kühne einen Kumpanen. „Wir jungen Mönche saßen und sperrten Maul und Nase auf, schmatzten auch vor Andacht gegen solche tröstliche Rede von unserer heiligen Möncherei“, notierte er später über diese Begegnung. Das ehemalige Klosteranwesen – heute evangelisches Gemeindezentrum – ist verriegelt und verrammelt. Auch Läuten und Pochen hilft nicht. Aber Thomas Weiß, der vor dem Nebenhaus gerade die geleerten Papiertonnen von der Straße räumt, hat den Schlüssel. Er sei der „Technische“ des Gemeindezentrums, sagt er, und führt mich durch den Kreuzgang in die Oberkirche. 60 Meter lang ist das Kirchenschiff. Auch wenn derzeit gebaut wird ein überaus imposanter Anblick. Doch viel interessanter ist der Klosterinnenhof. Dicke Balken stützen provisorisch eine Mauer. Gras wuchert. Aber überall sind noch die Bögen des einst vierseitigen Kreuzgangs zu erkennen. Ein mittelalterliches Kleinod hinter unscheinbarer Stadtfassade. „Das soll wieder richtig schön werden“, sagt Weiß. Fünf Jahre hat die Gemeinde noch Zeit bis zum großen Reformationsjubiläum.

Nach Dornheim führen mehrere Wege. Der leichtere geht an der langen Klinkermauer des Friedhofs entlang. Kulturgeschichte gibt’s dabei im Dreierpack. Denn der Wanderer wandelt sowohl auf Luthers Spuren als auch auf denen Bachs und der drei Frauen Elisabeth, Walburga, Paulina. Ein Aufrührer, ein Musiker, zwei Heilige, eine Selige. Na da habe ich mir ja was vorgenommen!

In Dornheim führt kein Weg an der Kirche vorbei. Hier ließ sich der junge Bach einst „copuliren“. Und zwar mit seiner Base Maria Barbara, laut Kirchenbucheintrag vom 17. Oktober 1707 eine „tugendhafte Jungfrau“. Siegfried Neumann, der Vorsitzende des örtlichen Freundeskreises, der sich rührend um den Erhalt der Traukirche des jungen Musikus kümmert, hat einst Straßen gebaut. Nun verfasst er Broschüren über die Geschichte und führt Tag für Tag Neugierige durch die Kirche. Er ist wandelndes Lexikon und Cheforganisator in einer Person. Sein Verein hat die halb verfallene Kirche gerettet. Vor zehn Jahren erhielt Neumann dafür das Bundesverdienstkreuz. Seine Frau brüht auf Wunsch auch Kaffee in der kleinen Kirchenschänke, während ihr Mann redet wie ein Wasserfall. Er blättert in den Besucherbüchern, zeigt die Einträge aus aller Herren Länder – 74 Nationen hat er einmal zusammengezählt. Er berichtet vom Treffen des österreichischen Kaisers, preußischen Königs und russischen Zaren in Dornheim – da war Napoleon gerade geschlagen. Und von den Vorbereitungen zum Wiener Kongress, die auch hier stattfanden.

Mit Macht muss ich mich lösen von diesem so belesenen Herren, um mich nicht fest zu quatschen. Nur den Lutherweg, den kennt er noch nicht. „Muss neu sein!“ Stimmt, das ist so. Aber wenn ihn nicht mal Herr Neumann kennt, muss die Ausschilderung wohl eine Nacht-und-Nebel-Aktion gewesen sein. Wundern würde mich das nicht. Denn den Lutherweg bis Paulinzella kann man öfters leicht übersehen. Meist hat jemand nämlich nur kleine Aufkleber auf die Metallpfosten diverser Verkehrsschilder gepappt. Immerhin: Die Größe der Aufkleber ist genau festgelegt. Da haben sich Thüringer Touristiker echt Gedanken gemacht.

Idylle an der Wipfra

Wer von Dornheim nach Hausen läuft, lernt Thüringen als das kennen, was es leider allzu oft ist: Das Land der Durchreisenden. Mehr oder weniger entlang von Autobahn und ICE-Trasse führt der Weg. Nichts lädt zum Verweilen ein. Weg, nur weg von hier – selbst noch kilometerweit von den Pisten entfernt rauscht der Verkehr im Ohr. Ein entseeltes, ein entkultiviertes Land. Hausen, Görbitzhausen, Roda, Niederwilligen – ländliche Idylle im wunderschönen Tal der Wipfra. Kleine Orte, herrliches Fachwerk, bunte Vorgärten. Doch erst, als der Behringer Tunnel den Lärm endlich tötet, eröffnet sich dem Wanderer der Blick für die schönen Dinge. Luther kam hier nie vorbei, und auch Paulinzella ist kein wirklicher Lutherort. Und doch passt der Reformator genau in diese Landschaft. Auch er war zumeist ein Durchreisender in Thüringer Landen – so wie die Menschen heute auf der Autobahn.

Hinter Görbitzhausen versperren plötzlich Pferde den Weg. Oder besser ein Elektrozaun. Jemand hat Luthers Pfad kurzerhand zur Koppel umfunktioniert. Hm. Mal gucken, ob Strom drauf ist – die Kindermethode mit dem Grashalm funktioniert nicht wirklich. Man muss schon ein wenig sportlich sein, um dem Hindernis auszuweichen. Auf Details verzichte ich hier mal lieber. Dann gehts an der Niederwillinger Kirche vorbei hoch auf den Berg und runter ins Tal der Ilm. Der Weg ist hier eher von mittelalterlicher Qualität, dafür stößt der Wanderer kurz vor Griesheim auf die Autobahn der Radtouristen: Den Ilmtal-Radweg. Es sind die ersten Wanderer, die meines Wegs kommen. Und zwar mit Affenzahntempo. Mehr als ein „Hallo“ gelingt mir nicht. Feiner Kies und keine einzige Pfütze – da geben die Radler ordentlich Stoff. Oder schalten den Elektromotor zu.

„Wo wollen Sie denn hin“, fragt mich die junge Frau an der Dörnfelder Schule, als ich den Singer Berg ansteuere. „Nach Singen“, sage ich. „Da gehen Sie mal lieber die Straße entlang“, rät sie mir. „Nee, ich bin auf dem Lutherweg unterwegs!“ Ein schwerer Fehler, wie sich bald herausstellen wird. „Ach so“, sagt die Frau noch und steigt in ihr Auto. Das hätte mich stutzig machen müssen. Denn der Lutherweg wird zum abenteuerlichen Trampelpfad auf den Gipfel, von dem aus man angeblich den Inselsberg sehen soll. Wandern lässt sich in dieser schlecht ausgeschilderten Wildnis nicht wirklich. In meiner Fantasie treibe ich die Dütthörner, die sich diesen Gag ausgedacht haben, mit der Peitsche vor mir her. Aber es nützt ja nix. Fast auf dem Gipfel kommen mir Enkelin, Opa und Oma entgegen. „Nur was für Verrückte“, höre ich den Mann sagen. „Jo“, keuche ich. „Ist doch der Lutherweg!“ Während das Enkeltöchterchen vorsichtig den Weg hinab geht, ruft mir der Wandersmann noch hinterher: „Na der ist hier bestimmt nicht langgelaufen.“ Recht hat er. Zugegeben, man kann von oben ins Thüringer Land schauen. Aber sonst?

In Singen macht der Lutherweg zielsicher einen Bogen um die berühmte Brauerei. Sie lockt mich ja schon. Andererseits will ich noch vor Einbruch der Dunkelheit in Paulinzella sein. Mitten durch den Grossliebringer Wald geht es sacht und gemütlich kilometerlang abwärts – ein Genuss. Und dann, der Höhepunkt: Paulinzella. Klosterweg, Lutherweg, Pilgerweg, Thüringenweg – alles trifft sich hier. Aber um 17 Uhr ist das Museum zu. Und auch die Tourist-Info. Ich stromere ein bisschen durch die Ruine. Luther hat den Wein, der hier angebaut worden sein soll, angeblich als Essig gerühmt. Sicher ist das nicht. Sicher ist nur, dass das Benediktinerkloster im Zuge der Reformation aufgelöst wurde. Luthers Werk, wenn man so will. Aber das wäre dem Reformator wirklich Unrecht getan.

 

Die Etappe in Daten:

Arnstadt – Paulinzella: 24,7 Kilometer Entfernung reine Wanderzeit laut Routenplaner: fünf Stunden und 14 Minuten – für Einkehr, Gespräche und Besichtigungen muss deutlich mehr Zeit eingeplant werdenUnser Wander-Ränzlein

Unser Wander-Ränzlein

Für den Gang auf Luthers Spuren haben wir uns natürlich auch einen Wanderrucksack geschnürt, in dem
wir Lustiges, Interessantes und Erinnerndes von unserem Weg sammeln werden. Heute kommt ein Puzzle der Arnstädter Oberkirche hinzu, erworben in der Tourist-Information am Markt – die übrigens ein überaus illustres Angebot an neckischen Souvenirs führt. Da der am Wegesrand in Görbitzhausen (handgemacht aus Schafs- und Ziegenmilch) erworbene Käse verderblich erschien, haben wir ihn lieber verzehrt und nicht in den Wanderrucksack getan.

900 Kilometer kreuz und quer durchs Land

Thüringen ist Kernland der Reformation. Viele Stationen im Leben Martin Luthers liegen hier: Eisenach, wo er zur Schule ging und das Neue Testament ins Deutsche übersetzte, oder Erfurt, wo er Mönch wurde und Theologie studierte. Doch es gibt noch weitaus mehr Orte, an denen Luther, seine Mitstreiter und die Reformation ihre Spuren hinterließen. Der rund 900 km langen Wander- und Pilgerweg soll die über 30 thüringischen Lutherstätten bis 2014 miteinander verbinden. Seit drei Jahren wird er abschnittsweise erschlossen und mit einem grünen „L“ ausgeschildert – für das Stück von Arnstadt nach Paulinzella geschah dies erst vor Wochen. Dabei spielt es übrigens keine Rolle, ob Luther auf diesen Wegen wirklich entlang gegangen oder gefahren ist. Für Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben wir die südöstliche Schleife von Eisenach über Schmalkalden, Gotha und Arnstadt nach Heldburg ausgewählt. Lassen Sie sich also inspirieren von unserer Tour auf Luthers Spuren!

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