Presse: Sieben Schlösser bis zum Kirchenschatz

TA vom 21.04.2012

Hans-Ulrich Orban ist der Hüter des Schatzes in der Arnstädter Oberkirche. Fotos: Hans-Peter Stadermann (TA)

Ein Oberst legte vor über 400 Jahren den Grundstock für eine heute einmalige Bücherei in der Arnstädter Oberkirche. Der verborgene Raum ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, wird lediglich für Forschungen genutzt.
Dieser Schatz lagert im wahrsten Sinne des Wortes hinter gut verschlossenen Türen. Brauchte doch Hans-Ulrich Orban 7 Schlüssel, um die verschiedenen Türen mühsam zu öffnen. Vom kleinen, modernen Hochsicherheitsschlüssel bis zum uralten, großen, verschnörkelten Eisenschlüssel. Erst dann steht der seltene Besucher vor der deutschlandweit einmaligen Bibliothek der Oberkirche zu Arnstadt.

Mattes Licht fällt durch ein Fenster in den schlichten Raum. Hohe graue Schränke mit hölzernen Gittern in den Türen füllen das Gewölbe. Hinter den Gittern tauchen Buchrücken auf, schwarz, braun, gelb oder rötlich mit wenigen verschnörkelten Lettern darauf, alt und abgegriffen.

Seit 1590 ist diese aus der Not heraus gegründete Bibliothek in dem verborgenen Kirchenraum. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie abgeschlossen, Sammlungen eingestellt. So steht sie noch heute, weitgehend unberührt, sagt Hans-Ulrich Orban, dessen Augen leuchten, wenn er die Raritäten dieser alten Bücherei zeigt.

Orban, 78 Jahre alt, kam durch einen Zufall in die Oberkirche, „es fehlte da jemand, ich bin eingesprungen, es war eine lehrreiche Arbeit“. Dann wurde er Kirchmeister, heute ist er Rentner. Aber die Betreuung der seltenen Bücherei liegt ihm sehr am Herzen. Er wuchtet vorsichtig einen schweren Band aus den Regalen. Holzeinband, mit Leder bezogen und mit Metallschließen vor schnellem Zugriff gesichert. Darin Schmuckblätter, farbig, einst von Hand koloriert. Das Buch ist von 1579, gut erhalten, alles tadellos lesbar, wie in den meisten der über 3000 Bücher.

Offiziell ist zwar nur eine Buchzahl von knapp über 2000 für die Bücherei vermerkt, „aber das ist nicht ganz richtig, denn zwischen vielen Buchdeckeln verbergen sich mehrere Bücher, die wahrscheinlich aus Kostengründen nur einmal gebunden wurden“, weiß Bücherei-Hüter Orban. In einem Verzeichnis ist deshalb hinter der Buchnummerierung 1934 noch eine 5 vermerkt, die besagt, dass es sich insgesamt um 5 Bücher in einem handelt.

Gegründet wurde die Kirchenbücherei nach einem verheerenden Stadtbrand, der auch die Buchbestände fast vollständig vernichtet hatte. Weder für die Schule, noch die Geistlichkeit oder die Bürger waren noch Bücher greifbar. Erst das Vermächtnis eines hohen Militärs, des Obersten Leo von Pacmor, ermöglichte einen neuen Grundstock. Der Edelmann bestimmte, dass ein Teil seines Vermögens nach Abzug seiner Beerdigungskosten für Schule und Kirche verwendet wird. Der Oberst starb 1583. Es soll sich um 6000 Meißnische Gulden gehandelt haben. Daraus entstand letztlich die Kirchenbibliothek. Für die wurden dann erstmals 1588 auf der Frankfurter Buchmesse Ankäufe getätigt, darunter ein Neues Testament, welches heute noch zum Bestand gehört.

Einen Überblick zum Bestand gab dann die „Kurze doch hinlängliche Nachricht zur öffentlichen Kirchenbibliothek in Arnstadt“, gedruckt 1746 und verfasst von Johann Christian Olearius. Damit gab es ein erstes gedrucktes Verzeichnis, welches sogar Raum für Ergänzungen bot.

Zu einmaligen Besonderheiten der Bücherei zählt eine handschriftliche Bibel aus dem Kloster Walkenried aus der Zeit des 30-jährigen Krieges. Rund 50 der Bücher sind sogar noch im Wiegendruck, mit beweglichen Lettern, um 1500 gedruckt worden. Johann Olearius sammelte zudem Lutherschriften, deren Umfang mit rund 1000 für die Oberkirchen-Bibliothek angegeben wird. Eine Bibelübersetzung von 1483 ist wohl das älteste Buch im Bestand.

Im Lauf der Zeit machte Pacmors Vermächtnis Schule. Graf Günther oder Catharina von Nassau-Dillenburg übereigneten der Kirchenbibliothek Bücher als Schenkungen.

Zu den Raritäten in den grauen Bücherschränken in dem heute verborgenen Raum zählen unbedingt die Sammlung von Leichenpredigten aus dem 16. und 17. Jahrhundert. „Schriften, die erst teilweise erforscht sind und eine Fundgrube für Ahnenforscher sind“, wie Hans-Ulrich Orban sagt. Sehenswert auch eine Bibel aus der Zeit um 1600. Das achtbändige Werk ist in 4 Sprachen abgefasst, jeweils vierspaltig pro Seite. Die Sprachen sind hebräisch, griechisch, lateinisch und aramäisch, der Sprache von Jesus Christus.

Frank Buhlemann / 21.04.12 / TA

Dieser Beitrag wurde unter Archiv abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.