Presse: Arnstädter Oberkirche mit schöner Alterswürde

TA vom 21.01.2012

Durchblick auf den Altar der Arnstädter Oberkirche, die nun saniert werden soll. Foto: Christoph Vogel (TA)

Die beginnende Sanierung des Innenraumes der Oberkirche Arnstadt wirft die Frage nach dem Sanierungsziel auf. Die Kirche ist eines von zehn Thüringer Vorhaben vor dem Hintergrund der Luther-Dekade.

Es wird noch viel Gelegenheit sein, Förderbescheide zu überbringen. Solcher Satz fiel, als Dieter Tettenborn namens der Deutschen Stiftung Denkmalschutz vor Jahresfrist einen Scheck überbrachte, welcher u. a. der Wiedererlebbarkeit des kaum noch zu erkennenden Kreuzganges der Oberkirche zugute kommen wird. Und welcher Denkmaleigentümer oder -liebhaber freut sich nicht über die Ankündigung sich wiederholender Geldzuwendungen? Doch an der Oberkirche, wo, nach baupolizeilicher Sperrung im letzten Jahrzehnt der DDR, nun schon über viele Jahre gerettet, saniert und repariert, aber offenbar zu wenig über das „Wie“ im Innenraum gesprochen wurde, scheiden sich nun die Geister. „Inzwischen verstehen wir den tieferen Sinn des Spruchs: Armut ist der beste Denkmalschutz“, schreiben Jan Kobel und dessen Frau Judith an Uwe Wagner vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Das vor Jahren neu nach Arnstadt gekommene Paar – seither mit sichtbarem Erfolg tätig am eigenen Denkmal gegenüber der Oberkirche und anerkannt wegen seines Engagements für ein kleines, international renommiertes sommerliches Bachfestival – hält den Geldfluss schlicht für ungut. Mehr noch. Ihnen, und manch anderen in- und außerhalb der Stadt auch, sind Absicht und Tempo suspekt, mit dem derzeit Fakten geschaffen werden. Worum geht es genau? Die Oberkirche wurde als Klosterkirche der Franziskaner im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts erbaut: ein für das Armutsideal des Ordens bis heute charakteristischer langgestreckter, einschiffiger rechteckiger Bau aus Bruchsteinen. Schmale Maßwerkfenster geben dem Bauwerk eine auffallend schlichte Gliederung. Nach der Aufhebung des Konvents im Ergebnis der Reformation wird das Gotteshaus zur Pfarrkirche. Das herrschende Geschlecht der Schwarzburger und das wohlhabende Bürgertum der damaligen Residenzstadt Arnstadt legen in der damit sich wandelnden Innenausstattung viel Wert auf Repräsentation. Emporen und Fürstenstand stammen aus jener Zeit. Aber auch Altar, Kanzel und Taufe, die der Hofkünstler Burkhardt Röhl im 17. Jahrhundert hinzufügt, sind äußerst bemerkenswert.

Betonfußboden und Heizung schadeten

Dem beginnenden 20. Jahrhundert waren Veränderungen der Decke, der Einbau eines Betonfußbodens und einer dem Bauwerk sehr schadenden Dampfheizung vorbehalten. Das alles aber blieb der Kirchgemeinde und den Besuchern der Stadt verborgen, nachdem mit dem letzten Gottesdienst Ende Oktober 1977 die stattliche Doppeltür für mehr als ein Jahrzehnt aus baupolizeilichen Gründen geschlossen bleiben musste. In der Seele weh tat es einem, wenn man zu dieser Zeit die fast 60 Meter lange und 11 Meter breite Kirche in Augenschein nehmen konnte. Die Erinnerung einer mit diesem historisch wertvollen Gebäude eng verbundenen Frau, wonach die Chor- und Orgelnoten im Wasser schwammen, sagt alles.

Nach der Wende fasste die Kirchgemeinde neuen Mut, ein Verein bildete sich. „Auch ein langer Weg beginnt mit einem ersten Schritt“, wusste nicht nur Angelika Greim-Harland, die nunmehrige Superintendentin. Dass die Oberkirche einmal zu jenen zehn Thüringer Objekten gehören könnte, die im Rahmen der bis 2017 laufenden Luther-Dekade wiederhergerichtet werden beziehungsweise „in neuem Glanz“ erstrahlen sollen, war damals nicht absehbar – ist nun aber Fakt. Dank diverser Förder- und Sonderprogramme, geht es nun auch im Inneren zur Sache. Doch da kommen die Zweifel auf. „Was die Wände betrifft, so sollen diese mit einem repräsentativen Ausschnitt der Wandmalereien an der Südwand 2012 instand gesetzt werden, sodass die Fassungen der Raumschale mit Tonne insgesamt fertig gestellt sind, bevor bis 2017 an die Ausstattung mit Altar, Taufe, Logen, Emporen, Epitaphe, Bildungsbibliothek des Schwarzburger Fürstenhauses usw. gegangen werden kann“, heißt es in einer Stellungnahme des Landesamtes. Mit dieser konzeptionellen Auffassung jedoch gehe die Aura der Geschichte dieses Hauses als Ganzes verloren.

Vorbehalte vor möglicher „glanzvoller“ Sanierung

Heraus käme ein zwar frisch saniertes, glänzendes Bauwerk, dem jedoch der „Atem“ etwa der Franziskaner oder der Schwarzburger genommen wäre. Warum etwas Neues hinzufügen, wo Konservieren genügen würde, lautet eine der Fragen. Um „laienhafte Vorstellungen von Denkmalpflege“, wie Fachleute mitunter Gegenwind versuchen darzustellen, handelt es sich hier wohl kaum. Dass auch Gebäude ein Recht haben, in Würde zu altern, fleckig zu werden, nachzudunkeln, Flickstellen zu haben und dennoch „schön“ sein können, weiß nicht nur jeder Italien-Reisende zu schätzen, aber dieser berichtet davon besonders gern. Dass – beispielsweise – Joshua Rifkin, der mit dem von ihm geleiteten „The Bach Ensemble“ schon wiederholt in der Baustelle Oberkirche für volles Haus sorgte, sein Arnstadt-Engagement überdenken würde, wenn der jetzige Charme des Raumes durch das vorgesehene Überstreichen von überkommenen Schichten verloren ginge, sollte in der schon begonnenen Abwägung des Für und Wider zumindest aufhorchen lassen. Was wird werden? Auch wenn die Geldbürokratie mitunter zeitliche Zwänge setzt: Kirchgemeinde, Förderverein und Nutzer der Kirche wollen vor allem einbezogen sein in Entscheidungen. Zwar fordert Landeskonservator Holger Reinhard unserer Zeitung gegenüber „Geduld und Augenmaß“. Mit Blick auf die aktuelle Debatte in Arnstadt könnte das aber die falsche Formel sein. Zwar sind es bis zum Reformationsjubiläum 2017 noch rund fünf Jahre. Aber die Weichen dafür, wie sich die einstige Klosterkirche dann präsentieren wird, werden schon dieser Tage jetzt gestellt.
Heinz Stade

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